GSAAM Wissen Ist die Hormonersatztherapie eine Longevity-Therapie?
Die Wechseljahre bringen für viele Frauen tiefgreifende körperliche und emotionale Veränderungen mit sich. Neben Hitzewallungen, Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen steht oft auch ein spürbarer Verlust an Lebensqualität im Raum. Die Hormonersatztherapie (HRT) galt lange als wirkungsvolle Antwort auf diese Beschwerden – und wurde zeitweise sogar als wahre Anti-Aging-Wunderwaffe gefeiert. Doch ist die HRT heute mehr als nur Symptombehandlung? Kann sie tatsächlich zu einem gesunden, längeren Leben beitragen – also eine echte Longevity-Therapie sein?
HRT – Ursprung und Entwicklung zur Anti-Aging-Methode
Die Hormonersatztherapie (engl. Hormone Replacement Therapy, HRT) bei Frauen in den Wechseljahren hat inzwischen eine Geschichte, so wechselhaft wie die Wechseljahre selbst. Angefangen hat alles in den 1960er Jahren in den USA mit einem Buch und einem Produkt. Das Buch stammte von dem amerikanischen Gynäkologen Robert Wilson und trug den Titel „Feminine forever“. Seine These: Wechseljahre sind eine Hormonmangelerkrankung. Ersetzt man die fehlenden Hormone, so erhalten Frauen ihre Gesundheit, Weiblichkeit und Attraktivität für den Rest des Lebens.
Das wiederum gelang mit genau jenem Produkt, das wohl nicht ganz zufällig zeitgleich auf den Markt kam. In den USA trug es den Namen Premarin (in Deutschland hieß es Presomen). Die Abkürzung Premarin steht für „pregnant mare urine“, die Östrogene darin stammten aus dem Urin von schwangeren Stuten. Da sie den menschlichen Hormonen strukturell sehr ähnlich sind, konnten sie als wirksame Hormonersatzpräparate verwendet werden.
Die Erfolge waren beeindruckend. Endlich gab es eine wirksame Therapie gegen Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und Co. Gleichzeitig wiesen viele Studien darauf hin, dass auch den meisten Alterserkrankungen durch den Hormonersatz wirksam vorgebeugt werden konnte. Das betraf Osteoporose, Herzinfarkt, Demenz und auch die Hautalterung. Und so entwickelte sich die HRT in den 1980er und 1990er Jahren zu einer der erfolgreichsten Anti-Aging Therapien überhaupt.
Die WHI-Studie und der Wendepunkt der HRT
Der große Rückschlag kam dann mit Beginn des neuen Millenniums. Die WHI (Womens Health Initiative) Studie war mit mehr als 64.000 Teilnehmern die bisher größte Untersuchung zur Wirksamkeit und Sicherheit der HRT. Und die Ergebnisse waren für die medizinische Welt ein Schock. Damals bereits bekannte Nebenwirkungen wie etwa ein vermehrtes Risiko für Thrombose und Brustkrebs wurden bestätigt. Dort, wo man sich einen eindeutigen Nutzen der HRT versprochen hatte, zeigte sich das genaue Gegenteil. Frauen, die Hormone einnahmen, hatten mehr Herzinfarkte als diejenigen in der Placebogruppe.
Was war da schiefgelaufen? Inzwischen haben wir die WHI-Studie sehr genau analysiert und können die Frage recht plausibel beantworten. Östrogene schützen sehr wohl die Blutgefäße. Allerdings gilt dies nur, wenn diese noch weitgehend gesund sind. Haben sich in den Blutgefäßen bereits signifikante Plaques gebildet, also Ablagerungen von Cholesterin in der Gefäßwand, so kommt es unter einer HRT vermehrt zu Plaque Rupturen. Die Plaques platzen, der Inhalt gelangt in die Blutbahn und macht dort als Thromben Herz- und Hirninfarkte.
Das passiert vor allem bei älteren Frauen, die zusätzliche Risikofaktoren wie Rauchen und Übergewicht aufweisen. Genau zu dieser Gruppe gehörten die meisten Frauen in der WHI-Studie. Neuere Untersuchungen zeigen: Wird mit der Hormonersatztherapie früh begonnen, sinkt das Herzinfarktrisiko. Wir sprechen inzwischen von einem sogenannten Möglichkeitsfenster (engl.: Window of Opportunity), also einem therapeutischen Zeitfenster, in dem die HRT besonders wirksam ist.
Noch ein weiterer Aspekt kommt hinzu. In der WHI-Studie wurden noch die klassischen Stutenöstrogene verwendet und das in Kombination mit synthetisch veränderten Gelbkörperhormonen (Gestagenen). Das lässt das Brustkrebsrisiko steigen.
Moderne Hormonersatztherapie: Was sich heute verändert hat
Inzwischen verwendet man „bioidentische Hormone“, also genau jene Botenstoffe, die der Körper auch selber herstellt. Die sind deutlich besser verträglich, und so verzeichnen wir seit einigen Jahren eine „Renaissance der HRT“. Diese Renaissance bedeutet aber nicht, dass wir einfach dort weitermachen, wo wir in den 1990er Jahren aufgehört haben. Im Wesentlichen sind es fünf entscheidende Neuerungen, die die moderne HRT auszeichnen:
- Dosisreduktion
Mit geringeren Hormonmengen lassen sich oft die gleichen positiven Effekte erzielen – aber mit weniger Nebenwirkungen. - Individualisierung
Keine HRT nach Schema F: Die Therapie wird personalisiert und exakt auf die Bedürfnisse der einzelnen Frau abgestimmt. Dafür braucht es erfahrene Spezialisten. - Transdermale Anwendung
Östrogene werden bevorzugt über die Haut verabreicht (z. B. als Gel oder Pflaster). Das umgeht die Leberpassage und senkt das Thromboserisiko. - Bioidentische Hormone
Heute kommen zunehmend bioidentische Hormone zum Einsatz – also exakt jene, die der Körper selbst produziert. Vor allem beim Progesteron ist das wichtig, da synthetische Varianten das Brustkrebsrisiko erhöhen können. - Therapie im richtigen Zeitfenster
Zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr überwiegen die Vorteile der HRT die potenziellen Risiken deutlich. Danach sollte die Indikation individuell und kritisch geprüft werden – ein pauschales Therapieende mit 60 ist aber nicht notwendig.
Fazit: Ist die Hormonersatztherapie eine echte Longevity-Therapie?
In dieser Form durchgeführt ist die HRT definitiv (wieder) eine Anti-Aging Therapie. Umgekehrt gilt: Hormonmangel ist ein Altersbeschleuniger. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Geschlechtshormone. Aber das ist dann schon wieder ein Thema für eine weitere Kolumne.
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